Senioren nehmen oft zu viele und zu starke Medikamente

01 August 2017

Pixabay close up 1853400 1920Viele ältere Menschen sind auf Medikamente angewiesen. Allein in Deutschland werden mehr als die Hälfte aller Rezepte für über 60-Jährige ausgestellt. Über 50 Prozent der über 65-Jährigen nehmen täglich fünf verschiedene Arzneimittel ein, zwölf Prozent sogar zehn verschiedene Medikamente.

Aber weniger wäre dabei häufig mehr. Denn die Arzneien können zu stark wirken, vertragen sich untereinander nicht oder sind längst nicht mehr nötig. Des Weiteren leiden manche Senioren dauerhaft unter den Nebenwirkungen und merken es nicht, weil sie sich daran längst gewöhnt haben.

Der Großteil der verordneten Arzneien kommt aus der Gruppe der Medikamente gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen (zum Beispiel Blutdrucksenker oder Blutverdünner), Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes, sowie gegen Schmerzen und neuropsychiatrische Erkrankungen wie Schlafstörungen und Depressionen.

Laut Bundesgesundheitsministerium sind rund 250.000 Klinikeinweisungen auf vermeidbare Medikationsfehler zurückführen. Mediziner gehen davon aus, dass bis zu zwei Drittel davon vermieden werden könnten, wenn die Medikation altersentsprechend vorgenommen würde.

 

Medikamente wirken im Alter stärker

Mit der Anzahl der Medikamente nehmen auch unerwünschte Wirkungen und Wechselwirkungen der einzelnen Präparate zu. Einerseits vertragen sich manche Arzneimittel aufgrund ihres ähnlichen Nebenwirkungsspektrums nicht, da sie sich verstärken. Andererseits hemmen sich Medikamente untereinander in ihrem Abbau.

Zudem wirken Arzneien bei älteren Menschen anders als bei jüngeren. Da die Wirkstoffe langsamer als in jungen Jahren aufgenommen werden und länger im Körper bleiben, kann es bei Senioren schnell zu Überdosierungen kommen. Im Rahmen des normalen Alterungsprozesses nimmt die Empfindlichkeit des Organismus gegenüber den Arzneien mit dem Alter zu. Zum einem liegt dies an den Organen, die nicht mehr so schnell arbeiten und zum anderen sorgt der geringere Wassergehalt für ein dichteres Gewebe, in das die Wirkstoffe schlechter eindringen können.

 

Medikamente werden an jüngeren Menschen getestet

Nach diesen Erfahrungen richtet sich auch die empfohlene Dosis. Bei den Zulassungsstudien für Medikamente hat diese Praxis ihren Grund, denn die Probanden sollen „gesunde Kranke“ sein, die eben nur an einer Krankheit leiden, gegen die das Medikament helfen soll. Anderenfalls könnte das Testergebnis verzerrt werden.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) empfiehlt daher, die empfohlene Dosis auf dem Beipackzettel ab dem 65. Lebensjahr um 10 Prozent und ab dem 75. Lebensjahr um 20 Prozent zu senken. Für jede weitere Dekade solle um weitere 10 Prozent reduziert werden. Letztlich ist dies allerdings nur eine Faustformel, denn die richtige Dosis hängt neben dem Alter auch vom Körpergewicht und dem Gesundheitszustand ab.

 

Gefahr bei mehreren Krankheitsbildern

Generell gibt es Leitlinien für die Behandlung einer Krankheit. Aber was macht man mit jemandem, der mehrere Krankheiten aufweist? Allein hierzulande leidet rund jeder zweite Senior über dem 65. Lebensjahr an mindestens einer Krankheit.

Viele Ältere sind aufgrund dessen auch bei verschiedenen Ärzten in Behandlung, von denen sie unterschiedliche Medikamente erhalten. Denn jeder Arzt verschreibt die Arznei, die aus seiner Sicht die vernünftigste ist. Jedoch gibt es keinen Arzt, der die verschiedenen Behandlungen koordiniert. Selbst der Hausarzt weiß oftmals nicht, welche Mittel seine Fachkollegen verordnen.

Doch die Wechselwirkungen der einzelnen Medikamente sind nicht zu unterschätzen. Ebenso erhöht sich bei der Einnahme von mehreren Arzneimitteln das Risiko für Nebenwirkungen. Zudem verschlimmern Nikotin und Alkohol die Wirkungen.

 

Relevant sind nicht nur verschreibungspflichtige Medikamente

Einige Patienten kaufen selber noch Arzneien aus der Apotheke und der Drogerie. Dies kann gravierende Folgen haben. So sorgt Johanniskraut beispielsweise, das gegen depressive Stimmungen helfen soll, in höheren Dosen für einen schnelleren Abbau von Medikamenten während Aspirin (Acetylsalicylsäure) zu Magenblutungen führen kann.

Schlafmittel wiederum können in einen Teufelskreis führen. Anfangs helfen sie noch, doch dann gewöhnt sich der Körper daran und der Schlaf wird wieder schlechter. Die Folge ist, dass der Mensch dann einfach die Dosis erhöht. Doch damit treten dann die unerwünschten Nebenwirkungen auf. Er wird zunehmend apathischer, kann sich nicht mehr konzentrieren und es fehlt an jeglicher Energie. Der Betroffene selber sieht dies als Alterserscheinung oder schiebt es auf den fehlenden Schlaf, nicht jedoch auf das Schlafmittel. Das nimmt er weiter und oftmals immer höhere Dosen. Im schlimmsten Fall können Leber und Nieren für immer geschädigt werden.

Daneben wird auch die Gefahr von psychoaktiven Medikamenten unterschätzt. Die meisten Medikamente die süchtig machen können, enthalten einen Wirkstoff aus der Gruppe der Benzodiazepinen. Sie werden beispielsweise bei Ängsten, Schlafproblemen oder zur Muskelentspannung eingesetzt. Wirken die Mittel nicht mehr wie anfänglich, wird einfach mehr davon eingenommen.

 

Medikamente werden oftmals nicht richtig eingenommen

Tabletten sollten zum Beispiel nicht mit Tee, Kaffee, Milch oder Säften geschluckt werden. Grapefruitsaft kann die Wirkung von Arzneien sogar lebensgefährlich verstärken. Am besten ist es, Medikamente grundsätzlich nur mit Leitungswasser einzunehmen. Dabei müssen oft unbedingt Abstände eingehalten werden, so zum Beispiel zwischen Antibiotika und Magensäure-Hemmer.

 

Wichtige Hinweise

Generell sollten Patienten nicht ohne Rücksprache mit ihrem Arzt Medikamente absetzen. Unter Umständen könnte dies lebensgefährlich sein. Allein der Arzt kann beurteilen, welche Arzneimittel in welcher Kombination genommen werden müssen und welche Alternativen es gibt.

Fachleute raten insbesondere Senioren, sich die Namen von allen Medikamenten zu notieren und damit zum Arzt zu gehen. Der Arzt sollte prüfen, ob die Medikamente überhaupt noch notwendig sind, ob die Dosis in Ordnung ist und ob sich die Arzneien miteinander vertragen. Wichtig ist auch, dass auf dieser Liste alle Arzneien notiert werden, auch diejenigen, die in der Apotheke oder in der Drogerien rezeptfrei eingekauft werden.

 

Mehr Informationen

Zurück